Die neun Eskalationsstufen nach Glasl

  1. Verhärtung: Standpunkte prallen aufeinander, und es kommt zu ersten Kommunikationsstörungen. Das Problem gilt jedoch noch als durch rationales Argumentieren lösbar.
  2. Debatte, Polemik: Die Streitenden nutzen Schwarz-Weiß-Denken und gegenseitige Provokationen. Man geht kaum noch auf Argumente ein und versucht, die eigene Position zu zementieren.
  3. Taten statt Worte: Die verbale Kommunikation tritt in den Hintergrund; es werden vollendete Tatsachen geschaffen, um die Gegenseite zu provozieren. Das Zusammenhörigkeitsgefühl innerhalb der eigenen Untergruppe steigt.
  4. Images und Koalitionen: Es geht um Sieg oder Niederlage. Die eigene Gruppe wird glorifiziert, während der Gegner durch Feindbilder abgewertet wird. Man wirbt aktiv um Verbündete (Koalitionen).
  5. Gesichtsverlust: Der Konflikt wird ideologisiert. Ziel ist es, den Gegner moralisch zu demaskieren und unglaubwürdig zu machen. Es kommt zu massiven Kränkungen.
  6. Drohstrategien: Die Parteien versuchen, sich gegenseitig durch die Androhung von Sanktionen und ultimative Forderungen zu kontrollieren.
  7. Begrenzte Vernichtungsschläge: Drohungen werden in die Tat umgesetzt. Man nimmt eigenen Schaden in Kauf, solange der Verlust des Gegners größer ist.
  8. Zersplitterung: Die Angriffe zielen darauf ab, die Existenzgrundlage (wirtschaftlich, physisch oder geistig) des Gegners gänzlich zu vernichten.
  9. Gemeinsam in den Abgrund: In der Phase der totalen Konfrontation wird die eigene Selbstvernichtung akzeptiert, um den Gegner mit in den Abgrund zu reißen.

Die „Grenze der Selbsthilfe“

Ein zentrales Element des Modells ist die Grenze der Selbsthilfe nach der dritten Stufe. Bis Stufe 3 sind Kooperationschancen noch vorhanden, und die Parteien können den Konflikt oft noch aus eigener Kraft konstruktiv lösen. Ab Stufe 4 wird die Gegenpartei zum eigentlichen Problem erklärt, und eine externe, neutrale dritte Instanz (z. B. Mediator) wird zwingend erforderlich.

Passende Interventionsmethoden je nach Stufe

Die Auswahl der Beratungsmethode sollte sich strikt an der erreichten Eskalationsstufe orientieren:

  • Stufe 1: Hier reicht oft eine Moderation aus, um die Kommunikation und die Verhandlungen zu unterstützen.
  • Stufe 2–3: Neben Moderation kann Mediation oder eine Beratung zur Verbesserung der Beziehungen eingesetzt werden.
  • Stufe 4–5: In diesen Stadien verhärteter Fronten ist externe Prozessberatung oder Mediation notwendig.
  • Stufe 6: Wenn eine einvernehmliche Lösung unmöglich erscheint, ist ein Schiedsverfahren (Arbitration) durch eine anerkannte Autorität erforderlich.
  • Stufe 7–9: In Phasen der totalen Konfrontation greifen professionelle Beratungsstrategien meist nicht mehr. Hier sind Machteingriffe durch die Unternehmensleitung oder juristisch bindende Entscheidungen (z. B. Kündigungen) das einzige wirksame Mittel.

Quelle

Glasl, F. (2011). Konfliktmanagement: Ein Handbuch zur Diagnose und Behandlung von Konflikten für Organisationen und ihre Berater (10. überarb. Aufl.).