Der Ansatz der transdisziplinären Fallstudie (TCS) fungiert als umfassender Rahmen für das Nachhaltigkeitslernen, indem er wissenschaftliche Analyse mit gesellschaftlicher Praxis verknüpft. Er basiert auf der Integration dreier zentraler Säulen: der methodischen Tiefe von Fallstudien, dem Prozess des gegenseitigen Lernens (Transdisziplinarität) und der nachhaltigen Entwicklung als normativem Ziel.
Folgende Kernkonzepte prägen diesen Ansatz:
Das Problemverständnis (Ontologie)
Im Zentrum stehen schlecht definierte Probleme (ill-defined problems). Dies sind komplexe Übergangssituationen, bei denen weder der Zielzustand noch der Weg dorthin (die Barrieren) zu Beginn klar definiert sind. Nachhaltigkeit wird hierbei nicht als statischer Zustand, sondern als dynamische Qualität von Mensch-Umwelt-Systemen verstanden, die ständig neu ausgehandelt werden muss.
Die Struktur des Wissens (Epistemologie)
Die Wissensgenerierung findet in zwei interagierenden Sphären statt:
- Normative Sphäre: Hier geht es um Werte, Präferenzen und die Zielbildung.
- Systemische Sphäre: Hier erfolgt die sachliche Analyse von Strukturen und Dynamiken. Der Probabilistische Funktionalismus (basierend auf dem Brunswik’schen Linsenmodell) erklärt dabei, wie aus unsicheren, unvollständigen Informationen dennoch robuste und tragfähige Urteile über komplexe Systeme gebildet werden können.
Strategische Planung und Durchführung (Methodik)
Ein wesentliches Arbeitsprinzip ist das Backward Planning. Dabei wird das Projekt vom gewünschten Ende (der Leitfrage und den benötigten Orientierungshilfen) her konzipiert, um sicherzustellen, dass alle analytischen Schritte funktional auf dieses Ziel ausgerichtet sind. Der operative Prozess umfasst fünf Phasen:
- Zielbildung und Facettierung: Zerlegung des komplexen Falls in handhabbare Teilaspekte.
- Systemanalyse: Erstellung von Modellen zur Beschreibung der Systemdynamik.
- Szenarienkonstruktion: Entwicklung konsistenter Zukunftsbilder.
- Multi-Kriterien-Bewertung (MAUT): Bewertung dieser Szenarien durch Experten (wissenschaftsbasiert) und Stakeholder (wertebasiert).
- Generierung von Orientierungen: Ableitung strategischer Handlungsoptionen für die Praxis.
Zusammenarbeit und Validität
Die organisatorische Umsetzung beruht auf Co-Leadership, bei der Wissenschaft und Praxis (z. B. Behörden oder Unternehmen) gleichberechtigt die Leitung übernehmen. Dies sichert die Relevanz und Umsetzbarkeit der Ergebnisse.
Die Güte der Ergebnisse wird durch spezifische Validitätsaspekte abgesichert, insbesondere durch die funktionale Validität (Eignung zur Beantwortung der Leitfrage) und die ökologische Validität (unverzerrte Erfassung der Realität).
Quelle
Scholz, R. W., Lang, D. J., Wiek, A., Walter, A. I., & Stauffacher, M. (2006). Transdisciplinary case studies as a means of sustainability learning: Historical framework and theory. International Journal of Sustainability in Higher Education, 7(3), 226–251. https://doi.org/10.1108/14676370610677829